Das Prinzip Superkompensation

In der Geschichte finden sich eine Vielzahl von Beispielen, welche eindrucksvoll unter Beweis stellen, dass der Mensch zu außergewöhnlichen Leistungen fähig ist. Oft geht der Mensch bis an seine Grenzen, manchmal sogar darüber hinaus.

Der menschliche Körper zeichnet sich durch seine sehr große Widerstandsfähigkeit und Anpassungsfähigkeit aus. Das Maß der Anpassung hängt dabei wesentlich von den Anforderungen ab, welche an den Organismus gestellt werden.

Der französische Naturforscher Lamarck (1744-1829) beschrieb bereits den Zusammenhang zwischen körperlicher Belastung und einer damit einhergehenden Leistungssteigerung: „Alle Organe, die geübt werden, entwickeln sich stärker, werden leistungsfähiger - oder anders ausgedrückt, der Körper hat die Fähigkeit, sich den Beanspruchungen, die an ihn herantreten, anzupassen.“

Bereits sehr früh erkannte Lamarck damit ein Naturgesetz. Anpassungen und Anpassungsfähigkeiten gehören als Naturgesetz zum Leben. Sie sind jedoch umkehrbar und müssen ständig neu erworben werden.

Dabei handelt es sich um einen in der Natur des Menschen praktischen Mechanismus. Wird er mit intensiven Belastungsreizen konfrontiert, so baut er zum Beispiel mehr Kraft und Ausdauer auf. Er kann darauf folgende Belastungen besser bewältigen, beispielsweise besser jagen. Bleiben diese Reize aus, baut der Körper die nun nicht mehr notwendigen Strukturen wieder ab und spart dadurch Energie ein. Dies wird zum Beispiel deutlich im Verlauf der Jahreszeiten. Im Sommer ist der Mensch aktiv, er geht auf die Jagd, erkundet neue Gebiete und kann sich an dem reichhaltigen Nahrungsangebot der Natur bedienen. Der Körper ist dabei intensiv gefordert. 

Im Winter wird das Nahrungsangebot geringer, die Temperaturen nehmen ab und der Mensch kommt zur Ruhe. Er verliert seine Muskelmasse und spart lebenswichtige Energie ein.

In beide Richtungen handelt es sich bei der Anpassungsfähigkeit um einen entscheidenden Überlebensvorteil.

In unserem heutigen Alltag, geprägt von einem Überangebot an Nahrung und einem extremen Mangel an Bewegung, wird dieses Prinzip gelegentlich zu einem Nachteil. Die permanente Unterforderung des menschlichen Körpers führt zu einem Verlust der Muskelmasse, durch die Belastungen des Alltags kann nur ein sehr geringer Teil erhalten werden. Selbstverständlich bleibt dieser Verlust an Muskelmasse nicht ohne Folgen für unseren Stoffwechsel. In Kombination mit einer nicht optimalen Ernährung ist zusätzlich eine Gewichtszunahme häufig die Folge. Gleichzeitig entstehen durch einen Abbau der körperlichen Leistungsfähigkeit viele Zivilisationserkrankungen wie Rückenschmerzen, Bluthochdruck und Diabetes.

Der Menschen bekommt jedoch jeden Tag auf ein Neues die Gelegenheit das Prinzip der Superkompensation für sich zu nutzen. Ein moderates und an die individuelle Ausgangssituation angepasstes Training führt dazu, dass die Funktionsfähigkeit des menschlichen Körpers erhalten oder weiter ausgebaut werden kann.

„Bewegung ist für den Menschen keine nette Zugabe. Es ist vielmehr die Bedingung für die Funktionsfähigkeit des menschlichen Körpers.“

Eine Leistungsverbesserung erfolgt im Trainingsprozess als eine Reaktion auf erhöhte Anforderungen des Organismus. Die Leistungsverbesserung erfolgt also nicht wie oftmals angenommen während des Trainings, sondern erst in der danach ablaufenden Regenerationsphase. 

Um eine optimale Leistungsfähigkeit und Lebensqualität zu entwickeln bedarf es daher eines angemessenen Gleichgewichts von Belastung und Erholung. 

Ein angemessener Belastungsreiz, zum Beispiel ein körperliches Training, führt immer zunächst zu einer Ermüdung. Bei jeglicher Art von anstrengender körperlicher Belastung, die zu einer erheblichen Beanspruchung von Funktionssystemen führt, wird der Gleichgewichtszustand dieser Systeme zunächst gestört.

Erst die sich an ein Training anschließende Regenerationsphase führt dazu, dass der Körper sich von einer Belastung erholen kann und daraufhin das Ausgangsniveau wieder erreicht.

Die eigentlichen funktionellen Anpassungsprozesse bestehen in der Funktionssteigerung durch eine Vergrößerung der Energiespeicher und einer Umstrukturierung im Bereich der Zellstruktur.

War der Trainingsreiz intensiv genug um das Zellgleichgewicht zu stören, kommt es im weiteren Verlauf der Erholungsphase zur sogenannten Superkompensation, dem Aufbau einer Leistungsreserve über das Ausgangsniveau hinaus. Erfolgen innerhalb einer bestimmten Zeitspanne keine weiteren Belastungen, kommt es zu einer Rückkehr zum Ausgangsniveau oder darüber hinaus zu einem weiteren Abbau der Leistungsfähigkeit.

Idealerweise erfolgt daher ein erneutes Training im Moment der höchsten Superkompensation. Wird dieser Ablauf regelmäßig wiederholt kommt es zu einer zunächst fast stetigen Steigerung der Leistungsfähigkeit.

Werden die Trainingsreize zu häufig gesetzt, kann die Erholungsphase nicht vollständig ablaufen und es kommt es zu einer Abnahme der Leistungsfähigkeit und langfristig zu einer Überlastung.

Ein entscheidender Faktor hinsichtlich der Dosierung und Häufigkeit von Trainingsbelastungen ist immer das Vertrauen in das eigene Körpergefühl; gelegentlich muss dieses aber erst wieder erlernt werden. 

Die Anpassungsfähigkeit der einzelnen Funktionssysteme kann nicht schlagartig erschlossen werden, sondern bedarf eines langfristig aufgebauten Trainingsprozesses. Dabei wird dieser Prozess in einzelnen Etappen unterteilt, in welchen der Schwierigkeitsgrad  regelmäßig gesteigert wird. 

Wer sich immer nur belastet, ob körperlich oder geistig, sportlich oder beruflich, wird langfristig einen Leistungsabbau erfahren. Bei einem guten Gleichgewicht zwischen Anspannung und Entspannung wird sich die Leistungsfähigkeit langfristig verbessern.